LEV KHESIN im KUNSTFORUM International

KUNSTFORUM International Band 268

Gegenwartsbefreiung Malerei
Tendenzen im 21. Jahrhundert

herausgegeben von Larissa Kikol

Abstrakte Malerei

Der große Reset.

Neue Positionen – Befreiung von den Altlasten der Abstraktion des kulturpolitischen 20. Jahrhunderts

Da die abstrakte Malerei ihren Urhebern und Autoren keine narrativen Themen zur Verfügung stellt, transformierten sich Bestandteile wie Geste, Fläche, Farbe, Linie und Malaktion in der Kunst- und Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts zu inhaltsschwangeren Denk-Figurationen: Begriffliche Anstöße für mystische, psychologische, biografische, politische und kulturelle Erzählungen. Auf einem der wirkungsträchtigsten Höhe punkte der abstrakten Malerei wurde sie im Kalten Krieg als kulturpolitische Waffe instrumentalisiert. Als Symbol für abenteuerlichen Freiraum im Zeichen des Pollock-Cowboys und für gesellschaftliche Demokratie sollte sie die figurative Malerei Europas und der Sowjetunion übertrumpfen. So erlangte sie „im Kontext der Reeducation-Programme“ den Ruf „als neue Weltsprache“, die „Freiheit inszeniert“.1

Heute wird die abstrakte Malerei nicht mehr politisch wahrgenommen, dafür ist die Produktion an gegenständlicher politischer Kunst aktuell zu verbreitet. Auch eine tiefenpsychologische Interpretation des Abstrakten gilt als obsolete Esoterik. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist diese Malerei somit von den inhaltlichen Überladungen, die ihr während der Nachkriegszeit und des Kalten Krieges zugeschriebenwurden, gänzlich entledigt. Den Weg dorthin markierten entscheidende Positionen. „Infragestellung, Aggressivität, Humor – Sachen, meiner Meinung nach, die dabei sein sollten. Man randaliert ja gewisser maßen, man wütet, bis das Formen annimmt“ ,2 erklärte Albert Oehlen über sich und seine Kollegen gegen Ende der 70er Jahre, eine Zeit, in der abstrakte Malerei nach ihm erstmal „erledigt“ war. Zu den wichtigsten Wegbereitern für ein neues, kunst historisches Kapitel der abstrakten Malerei zählen unteranderem Christopher Wool, Albert Oehlen, Günther Förg und Katharina Grosse. Ihre Arbeiten, aber gerade auch ihre Haltungen ermöglichten es, die einstigen Deutungs modelle zu überwinden und eine neue Epoche einzuleiten – ja, den Knopf zu drücken.

Durch sie können sich heute jüngere Künstler*innen, befreit von dem Rezeptionserbe, auf den bereits geschehenen Reset der abstrakten Malerei einlassen. David Ostrowski, Schüler von Albert Oehlen, gehört zu ihnen. Der Begriff „Abstrakt-Minimal“ beschreibt seine Arbeiten am besten, in denen die einzelne (gesprühte) Geste und die Farbe eine radikale, zeitgenössische Singularität verkörpern.

Erleichterung, Spaß am Experimentieren, haptische Genugtuung, großzügige Leichtigkeit der Gesten, Befriedigung durch Farbe und Spiele zeichnen ebenfalls den aktuellen Status Quo aus. Trotzdem bleibt es bei den Grundbausteinen: Gestik, Farbflächen, Formen, Linien und Malprozesse als Aktionen sind weiterhin wesentliche Elemente. Im Folgenden werden diese Charakteristika in ihrer zeitgenössischen Erscheinung vorgestellt; exemplarisch durch einzelne Künstler*innen der neuen Generation.
– Larissa Kikol

Jadé Fadojutimi
Lev Khesin
Stephanie Lüning
Moritz Neuhoff
Tamina Amadyar

Lev Khesin

* 1981 Penza, lebt und arbeitet in Berlin

Lev Khesin, Foto: Alissa Maxman

 

„Ölschinken“ ist die Bezeichnung für schwere, ältere Ölbilder. Der „Schinken“ allein kann aber auch schwere Bücher meinen, die in Schweinsleder eingebunden wurden. Der Ausdruck bezüglich eines Kunstwerks impliziert einen Laien, der weniger auf das Sujet oder den Künstlernamen achtet, dafür mehr auf die Objektgröße und -Schwere sowie seine fettig wirkende Oberfläche. Die Arbeiten des Russen Lev Khesin entsprechen dem Ölschinken als ironisches Fetischobjekt. Khesin arbeitet mit Silikon, in das er vor oder während dem Malvorgang Pigmente mischt. So entstehen verschiedene Schichten, die die schimmernden Farbflächen räumlich ineinander schmelzen lassen. Die Bildfläche ist meistens glatt oder zeigt einzelne Falten. Die große Tiefenwirkung entsteht mit den Farbverläufen, die halb gemalt, halb virtuell anmuten. Gegensätzlich wirkt der gehobelte Speckrand, also die zerfledderten und heruntertriefenden Silikonmassen. An dieser Stelle werden das Bild zum Objekt und die abstrakte Malerei zum Fetisch, die zum Hineinfassen und Hantieren verführen. Dieses Fassbare entblößt das Material, die Bildoberfläche hingegen erlaubt lediglich den Blick auf den Farbraum, der genauso gut unter einer Wasseroberfläche liegen könnte. Lev Khesin studierte an der Universität der Künste Berlin. Seine Monografie „Lev Khesin – Morphologie“ erschien 2019 im Distanz Verlag. (LK)